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Geteilter Geist

Das Wort Schizophrenie hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet so viel wie “geteilter Geist”. Diese Bedeutung des Wortes und auch der umgangssprachliche Gebrauch suggerieren, dass schizophrene Menschen zwei Persönlichkeiten haben. Und viele Menschen glauben das, weil sie es nicht besser wissen. Weil, anstatt über das Thema aufzuklären, es meist unter den Teppich gekehrt wird. Aber was ist Schizophrenie wirklich?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass die akute Phase, die Psychose, etwas ist, was etwa ein bis zwei Prozent der Menschen mindestens einmal in ihrem Leben erfahren. Bei einigen bleibt es tatsächlich bei einer einmaligen Episode. Bei anderen wird daraus eine Krankheit, die sie ihr Leben lang begleitet. Psychotische Phasen wechseln sich dann meistens mit “ruhigeren” ab.

Eine Psychose haben ist ein bisschen wie träumen, während man wach ist. Man erlebt die Umwelt als sehr intensiv, teilweise beängstigend. Ein hierfür verwendeter Begriff ist “Reizüberflutung”. Alles, was einen umgibt, scheint sich auf die eigenen Gedanken zu beziehen. Manche Psychotiker interpretieren wahnhafte Gedanken in ihre Umwelt, wie beispielsweise, dass Menschen um sie herum Engel oder Propheten sind. Die meisten haben auch einen handfesten Verfolgungswahn, sie glauben, dass bestimmte Gruppen oder Netzwerke hinter ihnen her sind.

Außerdem können diese Menschen Halluzinationen haben, also beispielsweise Stimmen hören oder Lichter und Farben wahrnehmen, die gar nicht da sind. Auch Denkstörungen sind ein Merkmal der Erkrankung: Einige Betroffene sind zerfahren, das heißt sie haben zusammenhanglose Gedanken und können sich kaum logisch artikulieren.

Man spricht bei den Gründen für die Erkrankung von einer “multifaktoriellen Genese”. Das heißt, dass viele verschiedene Faktoren für die Entstehung verantwortlich sind. Es kommt hier unter anderem auf Genetik, Kindheitserfahrungen und Stress an. Vor allem scheint aber Drogenkonsum einen deutlichen Einfluss darauf zu haben, wer an einer Psychose erkrankt, und wer nicht. Hier ist vor allem für junge Menschen Vorsicht geboten: Der Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum in der Jugend und dem Entwickeln einer Psychose ist mittlerweile bestätigt. Studien zufolge steht der Cannabiskonsum mit einem 2- bis 3-fach erhöhten Risiko für Psychose in Zusammenhang.

Junge Männer erleben die erste psychotische Episode meist früher als Frauen. Was aber alle gemeinsam haben, ist, dass ein ungewöhnliches Verhalten bereits lange vor der Erkrankung beginnt. Das heißt, man denkt, dass hinter dem Rücken über einen getuschelt wird, die Umwelt scheint mehr und mehr feindlich zu werden. Die Paranoia, die man entwickelt, führt dazu, dass man nicht mehr aus dem Haus will, weil man sich in Gefahr sieht.

Warum spricht man nun aber von einem geteilten Geist? Es geht hier nicht um die Persönlichkeit, sondern wie man die Realität wahrnimmt: Ein Psychotiker hat zwei Realitäten. Die eine ist die, die er mit anderen, gesunden Menschen gemeinsam hat. Die andere gehört dem Psychotiker allein. Sie ist teilweise unglaublich komplex und führt zu einem Verhalten, dass für andere sehr eigenartig scheint. Für einen Unbetroffenen ist es schwer nachzuvollziehen, warum jemand denkt, dass er verfolgt wird von Geheimagenten, die als Systemwächter seine Mission vereiteln wollen. Tatsächlich sind die Wahnvorstellungen aber oft so ähnlich, wie in diesem Beispiel.

Es gibt glücklicherweise Medikamente, die die Psychose unterdrücken können. Sie bringen den Psychotiker aus seiner eigenen Welt wieder in die “normale” und helfen, dass er dortbleibt. Die meisten Psychosen sind mit diesen sogenannten “Neuroleptika” gut behandelbar.

Es gibt aber auch Nachteile: Zuerst ist es oft nicht einfach, den Betroffenen zur Einnahme der Medikamente zu bringen. Der Grund dafür ist, dass die Einsicht in die Tatsache, dass man nicht gesund ist, mit Fortschreiten der Krankheit abnimmt. Wer eine akute Psychose hat, sieht sich selbst fast nie als krank. Außerdem gibt es Nebenwirkungen, die teilweise gravierend sind: Bei den älteren Präparaten tritt Muskelsteifigkeit auf, die Betroffenen laufen nach längerer Behandlung nur noch mit Trippelschritten. Sie haben manchmal Probleme beim Kauen und Sprechen und es kann zu Ticks kommen. Man spricht sogar von parkinsonähnlichen Symptomen. Auch die Haut kann wächsern wirken.

Die neueren Neuroleptika haben keinen Einfluss auf die Muskeln, dafür sind hier häufige Nebenwirkungen Übergewicht, Müdigkeit und teilweise Impotenz.

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